Im Rahmen der Produktion “Mono no aware | 物の哀れ” führt Tanzdirektor Thorsten Teubl ein Interview mit Maura Morales.
Hier ein Auszug:
Teubl: Viele Menschen erleben unsere Gegenwart als unsicher, fragil und überfordernd. Ist Mono no aware für dich auch eine Reaktion auf unsere Zeit?
Morales: Unsere Gegenwart ist nicht auf dieselbe Weise fragil wie eine Kirschblüte fragil ist. Die Kirschblüte fällt, weil das ihr Wesen ist. Wir hingegen erleben Unsicherheit, weil Systeme versagen, weil Vertrauen erodiert und weil Zukunft unleserlich geworden ist. Das ist kein natürlicher Kreislauf, sondern etwas, das Menschen geschaffen haben — und das Menschen auch verändern könnten.
Mono no aware ist keine politische Ästhetik. Es akzeptiert Vergänglichkeit; es kämpft nicht dagegen an. Die Frage ist daher: Ist diese Form der Akzeptanz in unserer Zeit noch ausreichend?
Unsere Gegenwart leidet nicht nur an Unsicherheit, sondern auch an Aufmerksamkeitslosigkeit. Alles wird sofort ersetzt, überlagert, vergessen. Das Neue erscheint, bevor das Alte überhaupt wirklich ankommen konnte.
Mono no aware lehrt dagegen etwas Radikales: Hinschauen. Wirklich hinschauen. Lange genug, um zu spüren, dass etwas vergeht. In einer Zeit permanenter Beschleunigung ist das beinahe ein Akt des Widerstands — nicht, weil es die Welt unmittelbar verändert, sondern weil es dem Menschen etwas zurückgibt, das ihm entzogen wird: den gegenwärtigen Moment als bewohnbaren Ort.
Wenn das Publikum eine Stunde lang sitzt und Körper in Bewegung beobachtet — in ihrer Stärke und in ihrer Vergänglichkeit — dann ist das keine Flucht aus der Gegenwart. Es ist eine Einladung zurück in sie.
Schau hin. Jetzt. Dieser Moment existiert.
Das ist vielleicht das Politischste, was Theater heute tun kann — ohne ein einziges politisches Wort auszusprechen.

