Kritik von Nele Cumart aus der HAZ Hannoversche Allgemeine Zeitung online vom 10.5.25:
„Shame”: Die Tanzoffensive startet mit großartiger Eröffnung in der Eisfabrik
Zur Eröffnung der Tanzoffensive setzt sich die Choreografin Maura Morales in ihrem Stück „Shame“ mit dem Gefühl von Scham auseinander – ein großartiges Stück und mehr als eine reine Tanzperformance.
HAZ online Nele Cumart 10.05.2025
Wer muss sich in unserer Gesellschaft schämen und wofür? Zur Eröffnung der elften Tanzoffensivezeigt die kubanische Choreografin Maura Morales ihr Stück „Shame“ in der Eisfabrik. Das Stück ist radikal feministisch und großartig cinematisch.
Gleich zu Beginn wird auf einer Leinwand die Nahaufnahme eines Lasers gezeigt, der – wie ein Blick – über die Beine, den Bauch und die Haut eines Frauenkörpers gleitet. Kurz darauf fällt Bühnenlicht auf eine Tänzerin, die, unnatürlich verrenkt, mit dem Rücken zum Publikum auf dem Boden liegt: Ihre Beine sind breit aufgestellt und drücken so gegen den Boden, dass ihr Hintern in die Luft ragt. Das Publikum schaut direkt zwischen ihre gespreizten Beine. Direkt auf ihren „Schambereich“.
Solch plakative Szenen ziehen sich durch das ganze Stück. In Kombination mit Monologen lassen sie wenig Interpretationsspielraum. Es geht um den Druck, der Rolle als Frau im Patriarchat gerecht zu werden. Um das anerzogene (oder sogar aufgezwungene?) Verständnis von weiblicher Sexualität als etwas Schambehaftetem. Darum, diese Scham gemeinsam abzulegen.
An manchen Stellen verstärkt der Einsatz von Sprache die performativen Höhepunkte zusätzlich. Beispielweise als Tänzerin Kira Metzler wie wahnsinnig verzweifelt einen Apfel isst, der ihr zuvor den Mund verstopft hat. Mit vollem Mund, Apfelstückchen spuckend und unverständlich redet sie sich Rage über ihre Scham. An anderen Stellen scheinen die Worte neben der ausdrucksstarken Choreografie nahezu überflüssig.
Darüber hinaus ist das Stück schlichtweg genial. Die Dramaturgie sitzt vom ersten bis zum letzten Augenblick. Die live gesampelte, elektronische Musik, die unorganischen Bewegungen der Tänzerinnen und die Videos auf der Leinwand verwandeln die Eisfabrik in einen dystopisch beklemmenden Ort. Bis die Tänzerinnen in den letzten Minuten zur Ruhe kommen und ihre Scham in warmes Licht gehüllt, gemeinsam mit ihren Klamotten ablegen.
„Shame“ schafft es radikal und liebevoll zugleich, den vielschichtigen Aspekten weiblicher Scham gerecht zu werden. Ein Stück voll Verzweiflung, Mut und Kraft.
