Pressestimmen zu “Präludium der Kälte”

Anlehnungsbedürftige Wesen in der Kälte
Helmus Jasny, Westfälische Nachrichten 21.04.2022

[...] Die neue Produktion der Düsseldorfer Cooperativa Maura Morales, die am Wochenende im Pumpenhaus zu sehen war, beeindruckt durch schier unbändige Dynamik. Kaum hat sich die erste Tänzerin eingerichtet, kommt das restliche Ensemble auf die Bühne gestürmt und es beginnt ein hochtouriges Mit- und Gegeneinander, das die zwei Männer und vier Frauen über die ganze Aufführung druchhalten. Ein Atemholen gibt es nicht bei diesem Kampf der Körper gegen die Kälte- und wenn, dann wird es so rhythmisiert, dass es sich in den treibenden Soundtrack fügt, den Michio Woirgardt im Bühnenhintergrund erzeugt.

Maura Morales arbeitet in ihrer Choreographie mit einer harten, teils bewusst unharmonisch wirkenden Körpersprache, die auch rauere Formen wie Streetdance einbezieht.

Man sieht rechts zwei Männer in wütendem Kampf, während links die Frauen übereinander herfallen und sich zu einem Menschenhaufen verknäulen. Dann läuft eine der Frauen zu den Männern über, nur um dort in neue Auseinandersetzungen hineingezogen zu werden.
Das Ensemble bringt hier eine beachtliche Gruppendynamik auf die Bühne. Ständig wechseln die Konstellationen. Paare werden auseinandergerissen und finden neu zusammen. Was synchron war, rennt in nächsten Augenblick gegeneinander an. Man spürt große Kraft gepaart mit großer Präzision.

Und alles ist von einer tänzerischen Leidenschaft bestimmt, die das Publikum gefangen nimmt.

Dazwischen gibt es aber auch besinnliche Momente. Dann fährt Woirgardt die harten Beats herunter und zwischen den Tänzerinnen und Tänzern findet richtige Nähe statt. Keine wütenden Hunde sind es jetzt mehr, die sich feindselig gegenüberstehen, sondern anlehnungsbedürftige Wesen, die in Zeitlupe über die Bühne rollen und die Kälte durch Kontakt zu überwinden versuchen.

Eine beeindruckende Vorstellung, die man nicht so schnell vergisst.

 

Überwältigende Präzision
Michael S. Zerban, O-TON Kulturmagazin

[…] Und bei dieser Art vonLeben, die die Pandemie abverlangt, verschwindet auch alles, was warm und weich ist. Und es entsteht dann diese Disziplinierung, Effektivität und
Normierung“, erklärt Maura Morales, was sie zu diesem Stück geführt hat. Für
sie ist es eine Reflexion über die vergangenen Monate und der Gegenwart. Wenn man das weiß, wird das Werk plötzlich das, auf was man so lange gewartet hat. Die künstlerische
Auseinandersetzung mit den Gefühlen, die uns alle so diffus beschäftigen. Da
werden die Ängste, die uns befallen, weil die Informationslage unverständlich bleibt, die wenig erfüllten Wünsche nach Nähe, die Vorsichtsmaßnahmen der Distanz, die Versuche der Solidarität plötzlich im Tanz sehr plastisch. Nein, hier geht es nicht um Intensivbetten, Abstriche oder Impfungen, sondern um das, was die Regierung aus der Pandemie macht und damit in uns auslöst. Die Choreografie von Morales kehrt hervor, was wir nicht aussprechen können. Und verschafft dem Betrachter eben mit dieser Darstellung eine Erleichterung, weil er sich plötzlich nicht mehr ganz so allein und verunsichert fühlt. Auf einmal ist nicht mehr ganz so schlimm, das alles, was „warm und weich“ ist, verschwindet. Weil man es nachvollziehen kann und es anderen offensichtlich auch so geht.
[…]
Morales verlangt ihren Tänzern – Simone Elliot, Lotta Sandborgh, Alice de Maio, Jay Park, Manuel Paolini und Matilde Tommasini – eine Menge ab. „Ich hatte Glück, denn meine Tänzer sind Wesen aus Stahl und Seide, und sie erlauben mir, mit ihnen die Grenzen unserer Körper auszuloten und zu überschreiten“, sagt Morales. Und genau das passiert an diesem Abend. Ob im Gleichschritt, konvulsivischen Zuckungen des Individuums oder des Corps, Kämpfen der Tänzer zwischen Nähe und Distanz bis hin zur Überschreitung aller erotischen Grenzen, unter allen Abstraktionen liegt eine ungeheure Präzision, die von Athletik geprägt ist. Obwohl die Tänzer in unterschiedliche Richtungen auseinanderdriften, treffen sie auf den Zentimeter wieder zusammen. Das ist faszinierend und von den Tänzern großartig umgesetzt.
Woirgardt setzt seine Musik mit bekannten Mitteln. Dazu gehört der Bogen für die Zupfinstrumente genau so wie die Stahlbürste oder die Loops. Im Ergebnis fragt eine Besucherin, ob man die Musik nicht endlich auf CD hören kann. Kann man übrigens nicht. Und trotzdem setzt der Komponist hier wieder ganz eigene Akzente. Wie beispielsweise die stetig ansteigende Energetik. Geradezu furios wird es zum Ende hin, ehe die Musik abbricht und die Tänzer mit rhythmischer Atmung übernehmen. Im Epilog gibt es Melodiöses, dass aber nicht wirklich zu einer Katharsis führt. Zu ungewiss ist die Zukunft. Und nein, das Ende ist nicht, wie behauptet, versöhnlich. Wenn die Tänzerinnen sich unter die Plastikfolien zurückziehen und die letzte Tänzerin vor dem erlöschenden Scheinwerfer niederkniet, ist darin wohl eher der eindringliche
Appell der Künstlerin zu erkennen, dass wir uns vor der „Erkaltung“, sowohl in der Gesellschaft als auch im Individuum, schützen müssen. Recht hat sie.
Dann passiert Erstaunliches. Nach dem Applaus, mit dem sich das Publikum ehrlich bei der exorbitanten Leistung der Tänzer und des Komponisten bedankt, beginnt der Gang der Besucher zur Choreografin, die oben unterhalb der Technik wartet, und anschließend zum Komponisten, um sich zu bedanken. Das erlebt man nicht alle Tage. Aber es unterstreicht, wie wichtig und eindrucksvoll dieses Gegenwartsstück ist. In Düsseldorf ist es nur noch einen Tag zu sehen. Aber hoffentlich nur deshalb, weil es anschließend seinen Siegeszug durch Deutschland antreten wird.

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